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Kent Haruf: Lied der Weite (1999)

Standort: (Bücherei: Romane Har)

 

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Kent Harufs dritter Roman erschien in den USA bereits 1999 und wurde 2018 in Deutschland unter dem Titel „Lied der Weite“ neu verlegt.

Alle Romane des US-amerikanischen Autors, der 2014 gestorben ist, spielen in Holt, einer fiktiven Kleinstadt in Colorado. Der Autor erzählt in „Lied der Weite“ vom Leben und Alltag einzelner Bewohner dieser Gegend, indem er in kurzen Episoden die Situation aus ihrer Sicht schildert. Dadurch erfährt der Leser im Lauf der Erzählung, wie die Schicksale am Ende miteinander verwoben sind.

Da ist einmal Tom Guthrie und seine Frau Ella, die einen Nervenzusammenbruch erlitten hat und sich immer weiter von ihrem Mann, einem Pferdezüchter und Lehrer an der örtlichen Schule, distanziert, bis sie schließlich die Familie verlässt und auszieht. Die beiden Söhne Bobby und Ike, zehn und neun Jahre alt, klammern sich, von ihren Eltern vernachlässigt, aneinander und werden unzertrennlich. Gemeinsam erkunden sie ihre Umgebung und besuchen regelmäßig die alte, kranke und etwas unheimliche Mrs Stearn.

Dann gibt es noch Victoria Robideaux, eine 17-jährige Schülerin, die von ihrer Mutter verstoßen wird, als diese erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. Victoria schlüpft schließlich bei ihrer Lehrerin Maggie Jones unter. Diese ist weit mehr als nur eine Kollegin von Tom Guthrie, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt. Doch ihr dementer Vater, den sie pflegt, kommt mit dem neuen Hausgast überhaupt nicht zurecht, und so beschließt Maggie, die werdende Mutter bei den alten Junggesellen Harold und Raymond McPheron unterzubringen. Die beiden wortkargen Brüder leben als Viehzüchter auf einer Farm außerhalb von Holt und sind von der Aufgabe, eine junge schwangere Frau aufzunehmen, naturgemäß erst einmal überfordert.

Sie und ihr Bruder wollen doch das Mädchen da draußen bei sich behalten, oder?

 

Ja, natürlich, sagte er. Warum fragen Sie?

 

Weil Sie sicher finden, dass es irgendwie nett ist, ein Mädchen im Haus zu haben. Sie haben sich ein bisschen daran gewöhnt, dass sie bei Ihnen ist, stimmt‘s?

 

Was haben wir falsch gemacht?, fragte er.

 

Sie reden nicht mit ihr, sagte Maggie Jones. Sie und Raymond reden nicht, wie sie mit dem Mädchen reden sollten. Wir Frauen unterhalten uns gern am Abend. Wir glauben nicht, dass das zu viel verlangt ist. Wir lassen uns ja einiges von euch Männern gefallen, aber am Abend wollen wir ein bisschen Ansprache haben. Wir wollen uns zu Hause mit jemandem unterhalten können.

 

Und worüber?, fragte Harold.

 

Ganz gleich. Was Ihnen so einfällt.

 

Jetzt schlägt‘s aber dreizehn, Maggie, sagte Harold. Sie wissen doch, dass ich nicht weiß, wie man sich mit Frauen unterhält. Das haben Sie schon gewusst, bevor Sie sie zu uns gebracht haben. Und Raymond, der hat da auch keine Ahnung. Wir beide nicht. Schon gar nicht bei so einem jungen Mädchen.

 

Deswegen sag ich‘s Ihnen ja, sagte Maggie. Es wird Zeit, dass Sie‘s lernen.

 

Aber um Himmels willen, worüber sollen wir den mit ihr reden?

 

Da wir Ihnen schon was einfallen.

 

Kent Haruf erzählt von seinem Land und den Leuten, die in der Weite der amerikanischen Südstaaten leben. Wie verschiedene Stimmen in einem Lied (das Original heißt „plainsong“, „Choral“) finden die Personen im Lauf der Handlung zueinander und am Ende entstehen Bindungen untereinander, die das Schicksal des einzelnen auffangen und gemeinsam ertragen lassen.

„Lied der Weite“ ist ein schönes, gelegentlich auch lustiges Buch mit einer herrlichen Sprache, ein Buch, das gute Laune in ein verregnetes Wochenende bringt. Auch das Cover der neuen Diogenes-Ausgabe möchte ich hier erwähnen. Es zeigt das Bild „Golden Farmhouse“ von Donna Walker (2011), ein Bild, das meiner Meinung nach hervorragend zu diesem Buch passt.

In der Onleihe ist außerdem das letzte Werk von Kent Haruf verfügbar, „Unsere Seelen bei Nacht“ (2015), ein Roman, der 2017 mit Robert Redford und Jane Fonda in den Hauptrollen verfilmt wurde und genauso lesenswert ist.

 

 

 

 

 

Oktober 2018: Eve Harris: „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ (2015)

(Standort: Bücherei: Romane Har)

 

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Der Titel klingt ein wenig nach Kitsch oder historischem Roman, doch der Inhalt hat trotz „Hochzeit“ erstaunlich wenig mit einer Liebesgeschichte zu tun.

Die Handlung des Romans spielt 2008 im jüdisch-orthodoxem Milieu in London, im Stadtteil Golders Green. Er beschreibt eine Welt, die den meisten von uns völlig unbekannt sein dürfte, aber trotzdem fasziniert, weil sie so weit von unserer Lebensrealität entfernt ist.

Die 19jährige Chani Kaufmann ist eine von acht Töchtern einer armen, jüdisch-orthodoxen Familie. Ihr Lebensziel ist es, genauso wie für alle jungen Frauen in ihrem Umfeld, möglichst schnell zu heiraten. Sie lebt gerne in ihrer Welt, genießt manchmal aber auch verbotene Ausflüge jenseits ihres Viertels, sie stellt neugierige Fragen und sucht nach Informationen, die ihr Schule und Elternhaus verweigern: Was genau passiert in der Hochzeitsnacht? Wie funktioniert Verhütung?

Baruch, ein 20jähriger junger Mann, sieht Chani auf einer Feier, obwohl Frauen und Männer getrennt feiern und üblicherweise die Mütter die zukünftigen Partner aussuchen. Chani gefällt ihm und er möchte sie gerne wiedersehen. Da sie aber nicht standesgemäß für Baruch ist, muss er einige Widerstände in der eigenen Familie überwinden um sie wenigstens treffen zu dürfen.

Chani nimmt vor ihrer Hochzeit Unterricht bei der Frau des Rabbiners, Rivka, die sie über ihre ehelichen Pflichten aufklären soll. In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte dieser ungewöhnlichen Frau erzählt: Aus einer relativ säkularen jüdischen Familie stammend geht sie in den 1980er Jahren von England aus zum Studieren nach Jerusalem, wo sie ihren späteren Mann Chaim kennenlernt. Chaim ist ebenfalls ein säkularer Jude, doch gemeinsam entdeckt das Paar mehr und mehr die Faszination tiefer orthodoxer Frömmigkeit. Chaim entscheidet sich sogar, Rabbi zu werden. Später kehrt das Paar nach England zurück und sie bekommen drei Kinder. Nach mehreren Schicksalsschlägen beginnt Rivka allerdings immer mehr an ihrer damaligen Entscheidung zu zweifeln.

„Während der vergangenen Wochen waren ihre Gedanken wie Bussarde gekreist, und nun zwang sie sich dazu, ihnen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Sie lebte ein Doppelleben. Es gab die Oberfläche, an der sie all die Dinge tat und sagte, die von ihr erwartet wurden Doch darunter tobte ein Tumult, den sie nicht länger ignorieren konnte.“

Dieses Buch ist meiner Meinung nach eher ein Buch für Frauen, obwohl man auch Baruch und seine Ängste vor der unbekannten Welt der Frauen kennen lernt. Es vermittelt einerseits Einblicke in eine völlig andere Kultur und Lebensweise, auf eine Art, die weder verurteilt noch beschönigt. Andererseits geht es um freie Selbstbestimmung, Partnerschaft und Liebe, grundlegende Dinge, die in jeder Gesellschaft wichtige Themen sind, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit.

Die Hochzeit der Chani Kaufman ist der erste Roman von Eve Harris, einer säkularen Jüdin, die mehrere Jahre als Lehrerin an einer jüdisch-orthodoxen Mädchenschule in London gearbeitet hat. 

 

 

 

September 2018: Jan Weiler: „Kühn hat zu tun“ (2016)

(Standort: Bücherei: Romane Wei Onleihe: Hörbuch)

 

 

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Jan Weiler kennt man vor allem wegen seiner Familiengeschichte: „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“, die schon mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt wurde und seiner unterhaltsamen Serie über „Das Pubertier“. Mit Kommissar Kühn hat Jan Weiler zum ersten Mal einen Krimi verfasst, der aber seiner Meinung nach kein Krimi sein soll, sondern ein Gesellschaftsroman.

Tatsächlich gibt es in diesem Roman einen Toten, eine Kindesentführung, einen Mörder und einen Polizisten, der all diese Fälle aufklärt. Eigentlich geht es aber um Martin Kühn, 44 Jahre alt, einen sympathischen Durchschnittsfamilienvater mit durchschnittlichem Gehalt, einem pubertierenden Sohn, einer kleinen Tochter, die unbedingt ein Pferd haben will, einem hypotheken- und giftbelasteten Reihenhaus in einer Münchner Vorortsiedlung und fehlender Perspektive in der Arbeit, der viel zu tun hat um sein Leben in den Griff zu bekommen.

 

Sein Chef sagt über ihn: „Sie verkörpern gewissermaßen diese Gesellschaft, diesen Bodensatz, nach dem wir immer suchen. Sie sind ein ehemaliger Streifenbeamter mit Realschulabschluss. Jetzt mal lustig: Sie können Yin und Yang nicht von Ernie und Bert unterscheiden. Sie leben mit Ihrer Familie in einem kleinen Häuschen, das Sie mit Beamtenkredit abstottern. Willkommen in der Welt der Jinglers-Jeans und des Nutoka-Brotaufstrichs, der Elektro-Rasenmäher und der Ratenzahlung für Couchgarnituren! Und wissen Sie was? Ich mag das. Ich finde das wahnsinnig sympathisch. Ich mag Ihre Welt. Ich mag Sie beide. Und ich bin überzeugt, dass Sie Erfolg haben werden, wenn Sie auf die völlig unakademische Art eines kriminalistischen Diplodokus dort ermitteln.“

 

„Kühn hat zu tun“ ist ein ruhiger Roman ohne action, eine wunderbare Urlaubslektüre oder ein Buch für den verregneten Sonntagnachmittag. Man erkennt Kühn mit seinen banalen oder auch weniger banalen Alltagssorgen im eigenen Leben mehr oder weniger wieder und möchte wissen, wie sich diese Probleme zumindest im Roman lösen lassen. Der Kriminalfall gerät dabei fast in den Hintergrund und der Täter, wenn auch nicht das Motiv, sind dem Leser schon bald bekannt. Trotzdem möchte man, wie bei einer netten Unterhaltung mit dem Nachbarn über den Gartenzaun, wissen, wie es im Leben von Kühn weitergeht.

 

Ich bin schon auf den zweiten Band um Martin Kühn gespannt: „Kühn hat Ärger“. Auch dieses Buch ist neben einigen weiteren Bänden des Autors in der Bücherei vorhanden. Laut Internet wurde „Kühn hat zu tun“ für den WDR verfilmt und soll 2019 im Fernsehen ausgestrahlt werden.

 

  

 

 

 

August 2018: Celeste Ng: „Kleine Feuer überall“ (2018) 

(Standort: Onleihe: Erzählungen/Gesellschaft, als eBook und Hörbuch Bücherei: Romane Ng)

 

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Die Handlung von Celeste Ng‘s neuem Roman ist eigentlich recht schnell erzählt: In dem amerikanischen Vorort Shaker Heights (Ohio) brennt das Haus der Familie Richardson. Dass es Brandstiftung ist, wird schnell klar und auch, dass als Täter nur die 15jährige Tochter der Familie in Frage kommt. Im Rückblick erfährt der Leser dann, wie es zu dieser Tat kommen konnte.

 

Shaker Heights ist eine künstlich errichtete amerikanische Siedlung nach dem Motto:

„Die meisten Gemeinden entstehen einfach; die besten sind geplant. Dahinter stand die Überzeugung, dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte.“

 

Die Richardsons sind eine weiße, gutsituierte  Mittelschichtfamilie, Vater, Mutter und vier Kinder im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, die hervorragend in Shaker Heights integriert ist. Der Vater taucht im Roman eher am Rande auf, die zentrale Figur der Familie ist die Mutter, Elena Richardson, die ihr Leben und das ihrer Familie genauestens durchgeplant und organisiert hat.

 

„Sie war mit Regeln aufgewachsen und überzeugt, dass die Welt nur richtig funktionierte, wenn man diese Regeln befolgte. Seit ihrer Jugend hatte sie einen Plan gehabt und ihn minutiös eingehalten: Schule, Studium, Freund, Heirat, Job, Hypothek, Kinder. Eine Limousine mit Airbags und automatischen Sicherheitsgurten. Ein Rasenmäher und eine Schneefräse. Wachmaschine und Trockner. Sie hatte, kurz gefasst, alles richtig gemacht und sich ein gutes Lebe aufgebaut, ein Leben , wie sie es sich wünschte, wie alle es sich wünschten.... Ihr ganzes Leben lang hatte sie gelernt, dass Leidenschaft, genau wie Feuer, gefährlich war, leicht außer Kontrolle geriet, Wände hochkletterte und Gräben übersprang.“

 

Bis auf Izzy, der rebellischen jüngsten Tochter, fügen sich alle Familienmitglieder den Ansprüchen der Mutter widerspruchslos. Kritisch wird es erst, als Elena eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter als Mieterin und Angestellte in ihr Haus aufnimmt. Die Kinder freunden sich an und kommen nun in Kontakt mit dem jeweils völlig anderen Lebensentwurf. Dies stürzt Elenas bis dahin so geordnetes (scheinbares) Familienidyll in unkontrollierbares Chaos.

 

Dieser Roman ist wie Ng‘s erster Roman „Was ich euch nicht erzählte“ eine Familiengeschichte. Es geht vor allem um die Beziehung zwischen Müttern und ihren Kindern, um Erziehung, um das, was man seinen Kindern im Leben mitgeben möchte und was man sich für ihre Zukunft erhofft. Darüber hinaus stellt er aber auch (in einer eingeflochtenen Adoptionsgeschichte) die grundsätzliche Frage, was eigentlich „Mutter sein“ ausmacht. Dabei beleuchtet die Autorin jeden einzelnen Charakter genau, zeigt seine Stärken und Schwächen, seine Stellung im familiären und sozialen Geflecht und entwickelt daraus den Handlungsstrang, der letztendlich zum Auseinanderbrechen der Familie führt.

 

 

Während in „Kleine Feuer überall“ die Geschichte eher ruhig erzählt wird, ist das erste Werk von Celeste Ng, „Was ich euch nicht erzählte“ (2016), insgesamt dramatischer und aufwühlender. Ich fand es sogar noch etwas spannender und auch unbedingt lesenswert.

 

 

 

Juli 2018: Therese Bichsel: Überleben am Red River (2018) (Standort: onleihe: Romane/Historisches)

 

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Angelockt von den Beschreibungen eines Schweizer Patriziers, der unter falschen Versprechungen Kolonisten anwirbt um von deren Bezahlung seine Schulden zu tilgen, und gezwungen durch die Hungerjahre 1816/17 wandern 1821 rund 170 Menschen aus der Gegend um Bern nach Kanada ins heutige Winnipeg aus. Die hoffnungsvoll begonnene Reise in ein neues Leben entwickelt sich bald zum lebensgefährlichen Alptraum. Als die Auswanderer, unter ihnen zahlreiche Kinder, nach einer stürmischen Überfahrt spät im Herbst ihr Ziel am Roten Fluss erreichen, erwartet sie Hunger und eisige Kälte. Weder stehen die versprochenen Vorräte zur Verfügung noch die Häuser, in denen sie ihren ersten Winter überstehen könnten. Gerade die Frauen, die in dieser Männergesellschaft keine Rechte haben, trifft es besonders hart. Einige werden gleich nach der Ankunft mit Soldaten zwangsverheiratet, um das Überleben ihrer Familie zu sichern:

 

Der Schmerz zeigt ihr, dass alles wirklich ist, dass sie sich nichts einbildet. Es geschieht, was geschieht. Das Schicksal entscheidet. Oder doch eher der liebe Gott? Der Pfarrer hat im Konfirmandenunterricht gesagt, dass man sich Gott anvertrauen könne. „Dein Wille geschehe“, steht im Vaterunser. Sie geht weg von den Palisaden, schlüpft durchs Tor hinein und wieder ins Zelt. (...) Elisabeth schaut reihum, alle weichen ihrem Blick aus. Sie nickt. Was soll sie anderes tun?

 

Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte, die die Autorin anhand historischer Briefe, Zeitungsartikel und persönlicher Erinnerungen der Nachfahren dieser Auswanderer recherchiert hat. Im Buch erzählt sie die Erlebnisse aus der Sicht der zu Beginn der Auswanderung 20-jährigen Elisabeth Rindisbacher und der 10-jährigen Anni Scheidegger.

 

Auf der Website der Autorin kann man sich auch einige Aquarelle und Zeichnungen des damals 15-jährigen Peter Rindisbacher anschauen, der die Auswanderung und das Leben in Amerika in seinen Bildern dokumentiert hat. Die meisten seiner 187 erhaltenen Gemälde sind heute in kanadischen oder US-amerikanischen Museen ausgestellt und gelten als wertvolle Zeugnisse der damaligen Zeit.

 

 

 

Juni 2018: Ferdinand von Schirach: Strafe (2018) Standort: Belletristik: Schi

 

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In seinem neuesten Buch, das als Abschluss der Trilogie gesehen werden kann, greift Ferdinand von Schirach wie in den Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ einzelne Fälle aus der deutschen Justiz heraus. In seiner nüchternen, schnörkellosen Art erzählt er von Recht und Moral, Wahrheit und Wirklichkeit, von menschlichen Schwächen und Schicksalen. 

 

In jedem einzelnen Fall soll der Leser selbst entscheiden, was gut und was böse ist und wer sich moralisch schuldig gemacht hat; der Autor hält sich mit einer Bewertung des Geschehens zurück. Er erzählt die Geschichte des Täters und nennt auch das Urteil des Gerichts, das gemäß den Gesetzen entschieden hat, aber beim Leser bleibt oft das Gefühl zurück, dass das Gesetz der Situation des Beschuldigten nicht gerecht wurde, im Guten wie im Schlechten. Gerade die Fälle, in denen wegen eines Verfahrensfehlers kein Urteil gefällt werden konnte, lassen den juristischen Laien mit Unverständnis zurück. Aber auch das ist ein Kennzeichen eines Rechtsstaates, das man aushalten muss.

Dass der Jurist Ferdinand von Schirach dieses Dilemma und die menschlichen Schicksale, die hinter jedem „Fall“ stecken, am Ende nicht mehr ertragen konnte, gesteht sein Ich-Erzähler in der letzten Kurzgeschichte:

 

„Einige Monate nach dem Tag in der Normandie habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“

 

Wer mehr von Ferdinand von Schirach lesen möchte, findet in der Bücherei Aying die gesamte Trilogie und in der Onleihe weitere Bände. Sehr lesenswert finde ich auch sein Theaterstück „Terror“ (Onleihe) vom Dezember 2015, das die Frage aufgreift, ob man im Falle eines Terrorangriffs Menschenleben opfern darf, um andere Menschen zu retten. Was bedeutet „Menschenwürde“ und kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Dieses Theaterstück wurde in zahlreichen deutschen Theatern aufgeführt. Nach der Mehrheitsentscheidung des jeweiligen Publikums (schuldig - nicht schuldig) wurde dann das Stück beendet.

 

 

 

Mai 2018: Peter Köhler: „Basar der Bildungslücken“ (2017) (Standort: Onleihe: Sachmedien/Literatur)

 

 

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Das Buch von Peter Köhler trägt den Untertitel: „Kleines Handbuch des entbehrlichen Wissens“ und genau darum geht es auch. Kurze Geschichten über interessante (oder auch mal weniger interessante) Fakten, die man nicht kennen muss, die aber so manchen Aha-Effekt beinhalten. Man erfährt zum Beispiel, ob Benzin seinen Namen von dem badischen Ingenieur Carl Friedrich Benz erhalten hat (hat es nicht!) oder warum die Deutschen in vielen europäischen Ländern völlig unterschiedliche Bezeichnungen haben. Wer hat sich schon ernsthaft darüber Gedanken gemacht, warum die Engländer „Germans“ zu uns sagen, die Franzosen „Allemands“, die Italiener „Tedeschi“ und die Slawen „Njemzi“?

Unterhaltsam ist auch die Aufzählung deutscher Worte, die Einzug in fremden Sprachen gefunden haben: „Überhaupt scheint deutsches Essen und Trinken ein Exportschlager zu sein, wie französisches bière und italienisches birra oder auch türkisches sinitzel zeigen. Letzteres schätzen auch die Japaner als wina-shunittseru, die außerdem Kaffepaussi machen und etwas so Exotisches wie bamukuhen (Baumkuchen) essen.“

  

In über 70 kurzen Artikeln erklärt der Autor Unterhaltsames und Kurioses aus unserer Kultur, Sprache und Geschichte, er untersucht die Herkunft von Wörtern und Redensarten und zeigt, wie sich das Denken der Menschen im Lauf der Zeit verändert und wie sich das in unserer Sprache niedergeschlagen hat.

 

 

 

 

April 2018: Dagmar Fohl: Schneemusik (2017) (Standort: Onleihe: Belletristik, Krimi)

 

 

 

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Der Roman beginnt harmlos, geradezu alltäglich. Ein älterer Schriftsteller verliebt sich Hals über Kopf in eine jüngere Frau, eine erfolgreiche Klimaforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Nach der Hochzeit wird Olaf Spengler immer mehr von seiner krankhaften Eifersucht beherrscht, die Selma jeden Raum zum Leben nimmt. Je mehr er selbst an seinen Ansprüchen als Autor scheitert, desto mehr steigert er sich in seinen Wahn hinein und verfolgt und kontrolliert seine Ehefrau. Diese hält sein Verhalten nicht mehr aus und nutzt eine berufliche Chance zur Trennung. Daraufhin verliert Olaf völlig die Kontrolle und es kommt zur Katastrophe.

 

Dagmar Fohl zieht den Leser in ihren Bann. Man fühlt mit den beiden Hauptprotagonisten. Einerseits kann man den Schmerz Olafs nachvollziehen, als sich Selma immer weiter von ihm entfernt. Der Leser wird in seine Welt förmlich hineingesogen, kann sich ihr nicht mehr entziehen und lernt seine Gefühle und Lebensumstände  kennen, die von Eifersucht,

 

Wut, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen beherrscht sind. Andererseits spürt man aber auch die Verstörtheit, die in Selma vorgeht. Der höfliche, freundliche Mann, in den sich einst verliebt hat, wandelt sich im Lauf der Ehe zu einem wahren Monster und nimmt ihr jegliche Luft zum Atmen. Das Tempo des Romans steigert sich immer weiter durch die Vermischung von  Realität und Fiktion, da Olaf Spengler seine Sicht der Dinge in einem neuen Roman verarbeitet. Das Scheitern seiner Ehe wird so zur Grundlage seines lang ersehnten beruflichen Erfolgs.

 

 

 

 

 

März 2018: Ian McEwan: Kindeswohl (2015) (Standort: Bücherei McEw)

 

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Ian McEwans Kurzroman „Kindeswohl“ beruht auf einem wahren Fall, den ein englisches Gericht zu entscheiden hatte.

In seiner Erzählung muss die 59jährige Familienrichterin Fiona Maye den Fall eines 17jährigen Krebspatienten entscheiden, der ebenso wie seine Eltern aus religiösen Gründen die von den Ärzten für notwendig gehaltene Bluttransfusion ablehnt, obwohl er ohne diese Behandlung einen qualvollen Tod oder eine lebenslange Behinderung riskiert. Nach einer persönlichen Begegnung mit dem jungen Adam trifft Fiona eine richterliche Entscheidung und Adam überlebt. „Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde.“, begründet sie ihr Urteil. Ihre Entscheidung scheint die richtige gewesen zu sein, als sie Wochen später einen Brief von Adam erhält:

 

 „Ich glaube, ich war eine Zeitlang bewusstlos, und als ich aufwachte, saßen sie beide [die Eltern] an meinem Bett – und beide weinten, und ich wurde noch trauriger, weil wir alle gegen Gottes Gebote verstießen. Aber jetzt kommt das  Wichtige: Bald erkannte ich, dass sie vor FREUDE weinten! Sie waren so glücklich,  umarmten mich, umarmten einander und lobten schluchzend den Herrn. [...] Meine Eltern haben sich an die Lehre gehalten und den Ältesten gehorcht und alles richtig gemacht und können damit rechnen, ins Paradies auf Erden einzugehen – und gleichzeitig blieb ich am Leben [...] Schuld hat die Richterin, Schuld hat das gottlose System, Schuld hat das, was wir manchmal die 'Welt' nennen. Was für eine  Erleichterung!"

 

Zufrieden schließt Fiona den Fall Henry Adam für sich ab. Adam dagegen findet in seinem neuen, geschenkten Leben keinen Halt mehr, auch nicht in seiner Familie und wendet sich hilfesuchend an Fiona, die aus seiner Sicht nun die Verantwortung für sein Leben übernommen hat. Die Richterin hat allerdings die Macht unterschätzt, die sie mittlerweile durch ihr Urteil über sein Leben gewonnen hat und wendet sich von ihm ab. Am Ende kommt sie zu der bitteren Erkenntnis, dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügt und als Richter und Mensch versagt hat. „Adam hatte sich an sie gewandt, und sie hatte ihm nichts geboten, keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

 

 

„Kindeswohl“ ist kein einfaches Buch, es geht um Leben und Tod, Macht und Moral, Schuld und Verantwortung und die Grenzen von Religion und Medizin. Manche Handlungsstränge wie das Eheleben von Fiona Maye mögen etwas konstruiert wirken, aber insgesamt ist es ein Werk, das zum Nachdenken anregt. Wie würde man selber entscheiden? Was muss der Staat regeln, was ist Privatsache? Wie hoch ist die Würde des Menschen anzusetzen und was bedeutet sie überhaupt?

 

Ein lesenswertes Interview mit dem Autor zu seinem Buch findet sich unter:

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article135962393/Der-Teufel-ist-zu-allem-faehig.html

 

 

 

 

Februar 2018: Eliot Pattison: „Der fremde Tibeter“ und „Das Auge von Tibet“ (2002)

(Standort: Bücherei: Romane Pat)

 

  

 

 

 

                                                                                      

 

 

 

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Passend zu unserem Monatsthema im Februar „Fremde Länder“ habe ich diesmal den ersten und zweiten Band von mittlerweile 9 Büchern der Inspektor Shan-Reihe des amerikanischen Journalisten und Autors Eliot Pattison gewählt.

 

Shan Tao-Yun, ein Chinese, war früher Ermittler in Peking und wurde in ein chinesisches Straflager in Tibet verbannt, weil er gegen die falschen Leute ermittelt hatte. Im ersten Band der Reihe klärt er den Mord an einem Mann auf, dessen Leiche die Zwangsarbeiter des Lagers beim Straßenbau gefunden hatten. Am Ende des Romans kann Shan fliehen und findet Unterschlupf in einem geheimen tibetischen Mönchskloster.

In „Das Auge von Tibet“ wird Shan vom Lama des buddhistischen Klosters in das Kunlun-Gebirge nach Norden geschickt, um den Tod einer beliebten Lehrerin und einiger ihrer Schüler aufzuklären. Dabei wird er von einigen uigurischen und kasachischen Nomaden unterstützt.

 

Die Stärke der tibetischen Romane Pattisons liegt nicht unbedingt im Kriminalfall, sondern vor allem in der Beschreibung der faszinierenden Landschaft Tibets, seiner Klöster und Menschen. Darüber hinaus erfährt man viel über die politischen Verhältnisse seit den 1950er Jahren, als China Tibet annektierte und seitdem gewaltsam versucht die tibetische Lebensform und den Buddhismus zu unterdrücken. Wer also gerne in fremde Welten eintauchen möchte und weniger Wert auf action legt, ist bei der Inspektor Shan-Reihe auf jeden Fall richtig.

 

"Gute Bücher entführen den Leser an Orte, die er nicht so einfach erreichen kann: ein ferner Schauplatz, eine fremde Kultur, eine andere Zeit oder in das Herz eines bemerkenswerten Menschen. Eliot Pattison leistet in seinem Roman all dies auf brillante Art und Weise." Booklist. 

 

 

 

 

 

 Januar 2018: Daniel Speck: Bella Germania (2016) (Standort: Bibliothek: Romane Spe; onleihe: Hörbücher)

 

 

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„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ (Max Frisch)

Der erste Roman des Münchner Drehbuchautors Daniel Speck ist eine gelungene Mischung aus Familien- und Zeitgeschichte, ein „Heimatroman“ in bestem Sinne. Er handelt vom nicht immer einfachen Zusammenwachsen von Italienern und Deutschen in der Nachkriegszeit, vom einfachen Landleben in Sizilien, den Hoffnungen der Gastarbeiter, die in den 50er Jahren nach Bayern kamen und den Sehnsüchten der Deutschen, die in der Zeit des Wirtschaftswunders zum ersten Mal über den Brenner ans Mittelmeer fuhren.

 

Der Roman beginnt 2014, als die Münchner Modedesignerin Julia Besuch von einem unbekannten Mann bekommt, der behauptet ihr Großvater Vinzent zu sein. Nach einigem Zögern beginnt sie, ihre Familiengeschichte zu erforschen, die ihre Mutter bis dahin vor ihr immer geheim gehalten hat.

1954 lernt der Großvater, der im Auftrag von BMW nach Mailand gereist war, die junge Sizilianerin Giulietta kennen. Vinzent verliebt sich in sie und will mit ihr nach München durchbrennen. Gefangen in den Moralvorstellungen und Erwartungen ihrer Familie heiratet Giulietta aber trotz Schwangerschaft ihren langjährigen Verlobten Enzo und bleibt in Italien. Ihr Bruder macht sich aber auf den Weg nach Bayern um als Gastarbeiter in der Automobilbranche sein Glück zu versuchen, nach dem Scheitern ihrer Ehe folgt auch Giulietta nach. Auch Vincenzo, das Kind von Giulietta und Vinzent, geht später nach München, hin und her gerissen zwischen seinen italienischen und deutschen Wurzeln.

 

 

Dieses Buch ist eine schöne, spannende Familiengeschichte über drei Generationen mit viel Lokalkolorit, eine Erzählung über Hoffnungen und Scheitern, Migration und Integration, Missverständnisse und Freundschaften. Den Roman gibt es sowohl als Buch in der Bücherei, als auch als Hörbuch in der onleihe. 2017 wurde er vom ZDF als Dreiteiler verfilmt und soll Ende 2018 ausgestrahlt werden. Das Drehbuch dazu schrieb der Autor selbst.

 

 

 

 

Dezember 2017:     Leonie Swann: Gray (2017)  (Standort: Hörbücher: S, Onleihe: Belletristik)

 

 

 

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Diesmal habe ich einen unkomplizierten, unterhaltsamen Roman für mich entdeckt: das neue Buch der Münchnerin Leonie Swann, die 2005 mit ihrem Schafskrimi „Glenkill“ berühmt wurde.

 

In „Gray“ geht es um einen Anthropologie-Dozenten aus Cambridge, der leicht zwangsneurotisch veranlagt ist. Eines Tages erfährt er, dass ein Student, den er als Tutor betreut hatte, einen Tag vorher beim Klettern von der Fassade einer Kapelle gefallen ist. Auf Bitten der Putzfrau geht er in dessen Zimmer in der Universität und entdeckt Gray, den sprachtalentierten Graupapagei des Studenten. Dieser hängt sich mangels Alternativen an Augustus Huff, den Dozenten, und weicht nicht mehr von dessen Schulter. Allmählich hat Huff den Verdacht, dass Elliot, der Student, nicht Selbstmord begangen hat oder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, sondern ermordet wurde. Zusammen mit Gray macht er sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass er wegen des Papageis in einige peinlich-komische Situationen gerät.

 

„Gray“ ist ein witziger, leichter Roman, eine Feierabend- oder Urlaubslektüre. Mich hat er an Pumuckl und Meister Eder erinnert und wer die beiden als Kind geliebt hat, wird bestimmt auch den Papagei mögen. Gelegentlich wirkt die Handlung etwas konstruiert, besonders am Ende des Romans, aber ich finde, das kann man verzeihen, wenn man sonst gut unterhalten wird. Auch die Sprache ist humorvoll und die Szenen mit dem sprechenden Papagei urkomisch: „Augustus guckte etwas ratlos in den Lampenschirm. Eine Glühbirne guckte ausdruckslos zurück.“

 

 

Fazit: unbedingt lesenswert, wenn man einfach nur mit schrägen Charakteren entspannen möchte. Wer mehr von Leonie Swann lesen möchte, findet in der Bücherei auch ihren zweiten Roman „Garou“.

 

 

November 2017:    Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben (2017) (Standort: Romane Yan und Onleihe)

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Der Roman der Hawaiianischen Journalistin Hanya Yanagihara handelt von der Freundschaft zwischen vier Männern über mehrere Jahrzehnte hinweg. Kennengelernt haben sich die vier in einem US-amerikanischen College, als sie als Jugendliche gemeinsam ein Zimmer bewohnten. Malcolm wird Architekt, Willem Schauspieler und JB Künstler. Jude, der Jura studiert und später ein erfolgreicher Anwalt wird, steht dabei im Mittelpunkt der Erzählung. Im Abstand von mehreren Jahren wird die Lebenssituation der einzelnen Hauptdarsteller beleuchtet, unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit von Jude. Dessen traumatische Erlebnisse beeinflussen und beherrschen die Beziehung der vier Freunde ein Leben lang.

Dieser Roman, losgelöst von allen aktuellen Ereignissen und realen Schauplätzen, handelt von Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung, Sünde und Erlösung. Allesamt eher  biblische Themen, obwohl in diesem Buch religiöser Glaube nur am Rand eine Rolle spielt, Themen, die aber den Kern des menschlichen Daseins betreffen.

Die fast 1000 wortgewaltigen Seiten stehen im Gegensatz zur Sprachlosigkeit oder Sprachunfähigkeit der Protagonisten, an der sie am Ende scheitern. In diesen Abgrund wird der Leser wie in einen Strudel mit hineingezogen, mit einer Wortwahl, die oftmals an die apokalyptischen Bilder einer Hieronymus Bosch erinnert. Oft sind die Gefühle der Protagonisten beziehungsweise ihre Erlebnisse schwer zu ertragen und gehen an die Grenzen des Lesers.

           

"Er spürte, wie die Kreatur in seinem Inneren - die er sich als ein schmächtiges, schäbiges, lemurenartiges Geschöpf vorstellte, mit schnellen Reflexen ausgestattet und stets auf dem Sprung, während ihre dunklen, feuchten Augen unentwegt die Landschaft nach potenziellen Bedrohungen absuchten - sich entspannte und zu Boden sank. Dies waren die Momente des College-Lebens, die er am meisten schätzte: Er saß in einem warmen Zimmer, würde am nächsten Tag drei Mahlzeiten zu sich nehmen und so viel essen wie er wollte, und dazwischen würde er Seminare und Vorlesungen besuchen, und niemand würde versuchen, ihm wehzutun oder ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht tun wollte. Seine Mitbewohner - seine FREUNDE - waren irgendwo in der Nähe, und er hatte einen weiteren Tag überstanden ohne eines seiner Geheimnisse preiszugeben, und ein weiterer Tag trennte den Menschen, der er einmal gewesen war, von dem, der er heute war.“

    

Die Faszination dieses hochemotionalen Romans ist schwer in Worte zu fassen und was genau daran so fesselnd ist, ist kaum zu beschreiben, aber, wie der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck bemerkt: „Wenn Sie in diesem Jahr nur einen Roman lesen, lesen Sie diesen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Oktober 2017:    Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt (2015) (Standort: onleihe: Sachmedien/Geschichte, Völker & Länder)

Diesen Monat stelle  ich ein Sachbuch aus der Onleihe vor, das aus meiner Sicht auf alle Fälle fünf Sterne verdient hat. Der Autor, Alastair Bonnett, ist Professor für Sozialgeographie an der Universität Newcastle.

 

Das erste Kapitel seines Buches „Die seltsamsten Orte der Welt“ handelt von Orten, die es nicht mehr gibt, sei es, weil es sie nie gegeben hat wie Sandy Island vor der Ostküste Australiens, oder weil sie aus geologischen oder politischen Gründen wieder verschwunden sind wie die „Starfish“-Dörfer in Großbritannien aus dem zweiten Weltkrieg, die nach 1945 keinen Verwendungszweck mehr hatten, oder der Aralsee, der durch menschliche Eingriffe in den Wasserhaushalt austrocknet.

Weitere Kapitel befassen sich u.a. mit „Geisterstädten“, temporär existierenden Orten oder „Niemandsländern“ zwischen zwei Staaten, die keiner haben will. Zum Teil sind es bekannte Geschichten, wie die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verlassene Stadt Prypjat, zum Teil aber auch eher unbekannte Darstellungen menschlichen Größenwahns wie das nie bewohnte nordkoreanische Grenzdorf Kijong-dong, oder durch Kriege zerstörte und verlassene Städte. Manche Kapitel lassen uns schmunzeln, einige regen zum Nachdenken an oder machen den Leser betroffen, aber immer staunt man aufs Neue, was für Kuriositäten es in unserer Welt auch heute noch gibt.

 

Alastair Bonnett ist ein wirklich interessantes, lehrreiches und zugleich unterhaltsames Buch gelungen, das nie trocken wird, sondern über die reine Wissensvermittlung hinaus auch über die Bedeutung von „Ort“ und „Raum“ für den Menschen philosophiert: „Dabei ist der Ort das Gewebe unseres Lebens, mit Erinnerung und Identität durchwirkt. Ohne ein eigenes Irgendwo, ohne einen Ort, an dem man zu Hause ist, ist Freiheit eine leere Worthülse.“

 

Sein Buch beendet der Autor mit folgendem Fazit: „Die Welt steckt noch immer voller unerwarteter Plätze, die uns entzücken, manchmal auch erschrecken, aber immer faszinieren. Diese ungebärdigen, anarchischen Orte provozieren uns und zwingen uns dadurch, über die vernachlässigte, aber fundamentale Rolle nachzudenken, die sie für unser Leben spielen. Sie stellen uns vor die Herausforderung, uns als das zu sehen, was wir sind, nämlich eine Spezies, die Orte schafft und Orte liebt.“

 

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