Hier finden Sie ab sofort jeden Monat eine besondere Buchempfehlung von Frau Graßl

 

 

Therese Bichsel: Überleben am Red River (2018)

(Standort: onleihe: Romane/Historisches)

 

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Angelockt von den Beschreibungen eines Schweizer Patriziers, der unter falschen Versprechungen Kolonisten anwirbt um von deren Bezahlung seine Schulden zu tilgen, und gezwungen durch die Hungerjahre 1816/17 wandern 1821 rund 170 Menschen aus der Gegend um Bern nach Kanada ins heutige Winnipeg aus. Die hoffnungsvoll begonnene Reise in ein neues Leben entwickelt sich bald zum lebensgefährlichen Alptraum. Als die Auswanderer, unter ihnen zahlreiche Kinder, nach einer stürmischen Überfahrt spät im Herbst ihr Ziel am Roten Fluss erreichen, erwartet sie Hunger und eisige Kälte. Weder stehen die versprochenen Vorräte zur Verfügung noch die Häuser, in denen sie ihren ersten Winter überstehen könnten. Gerade die Frauen, die in dieser Männergesellschaft keine Rechte haben, trifft es besonders hart. Einige werden gleich nach der Ankunft mit Soldaten zwangsverheiratet, um das Überleben ihrer Familie zu sichern:

 

Der Schmerz zeigt ihr, dass alles wirklich ist, dass sie sich nichts einbildet. Es geschieht, was geschieht. Das Schicksal entscheidet. Oder doch eher der liebe Gott? Der Pfarrer hat im Konfirmandenunterricht gesagt, dass man sich Gott anvertrauen könne. „Dein Wille geschehe“, steht im Vaterunser. Sie geht weg von den Palisaden, schlüpft durchs Tor hinein und wieder ins Zelt. (...) Elisabeth schaut reihum, alle weichen ihrem Blick aus. Sie nickt. Was soll sie anderes tun?

 

Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte, die die Autorin anhand historischer Briefe, Zeitungsartikel und persönlicher Erinnerungen der Nachfahren dieser Auswanderer recherchiert hat. Im Buch erzählt sie die Erlebnisse aus der Sicht der zu Beginn der Auswanderung 20-jährigen Elisabeth Rindisbacher und der 10-jährigen Anni Scheidegger.

 

Auf der Website der Autorin kann man sich auch einige Aquarelle und Zeichnungen des damals 15-jährigen Peter Rindisbacher anschauen, der die Auswanderung und das Leben in Amerika in seinen Bildern dokumentiert hat. Die meisten seiner 187 erhaltenen Gemälde sind heute in kanadischen oder US-amerikanischen Museen ausgestellt und gelten als wertvolle Zeugnisse der damaligen Zeit.

 

 

 

Juni 2018: Ferdinand von Schirach: Strafe (2018) Standort: Belletristik: Schi

 

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In seinem neuesten Buch, das als Abschluss der Trilogie gesehen werden kann, greift Ferdinand von Schirach wie in den Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ einzelne Fälle aus der deutschen Justiz heraus. In seiner nüchternen, schnörkellosen Art erzählt er von Recht und Moral, Wahrheit und Wirklichkeit, von menschlichen Schwächen und Schicksalen. 

 

In jedem einzelnen Fall soll der Leser selbst entscheiden, was gut und was böse ist und wer sich moralisch schuldig gemacht hat; der Autor hält sich mit einer Bewertung des Geschehens zurück. Er erzählt die Geschichte des Täters und nennt auch das Urteil des Gerichts, das gemäß den Gesetzen entschieden hat, aber beim Leser bleibt oft das Gefühl zurück, dass das Gesetz der Situation des Beschuldigten nicht gerecht wurde, im Guten wie im Schlechten. Gerade die Fälle, in denen wegen eines Verfahrensfehlers kein Urteil gefällt werden konnte, lassen den juristischen Laien mit Unverständnis zurück. Aber auch das ist ein Kennzeichen eines Rechtsstaates, das man aushalten muss.

Dass der Jurist Ferdinand von Schirach dieses Dilemma und die menschlichen Schicksale, die hinter jedem „Fall“ stecken, am Ende nicht mehr ertragen konnte, gesteht sein Ich-Erzähler in der letzten Kurzgeschichte:

 

„Einige Monate nach dem Tag in der Normandie habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“

 

Wer mehr von Ferdinand von Schirach lesen möchte, findet in der Bücherei Aying die gesamte Trilogie und in der Onleihe weitere Bände. Sehr lesenswert finde ich auch sein Theaterstück „Terror“ (Onleihe) vom Dezember 2015, das die Frage aufgreift, ob man im Falle eines Terrorangriffs Menschenleben opfern darf, um andere Menschen zu retten. Was bedeutet „Menschenwürde“ und kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Dieses Theaterstück wurde in zahlreichen deutschen Theatern aufgeführt. Nach der Mehrheitsentscheidung des jeweiligen Publikums (schuldig - nicht schuldig) wurde dann das Stück beendet.

 

 

 

Mai 2018: Peter Köhler: „Basar der Bildungslücken“ (2017) (Standort: Onleihe: Sachmedien/Literatur)

 

 

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Das Buch von Peter Köhler trägt den Untertitel: „Kleines Handbuch des entbehrlichen Wissens“ und genau darum geht es auch. Kurze Geschichten über interessante (oder auch mal weniger interessante) Fakten, die man nicht kennen muss, die aber so manchen Aha-Effekt beinhalten. Man erfährt zum Beispiel, ob Benzin seinen Namen von dem badischen Ingenieur Carl Friedrich Benz erhalten hat (hat es nicht!) oder warum die Deutschen in vielen europäischen Ländern völlig unterschiedliche Bezeichnungen haben. Wer hat sich schon ernsthaft darüber Gedanken gemacht, warum die Engländer „Germans“ zu uns sagen, die Franzosen „Allemands“, die Italiener „Tedeschi“ und die Slawen „Njemzi“?

Unterhaltsam ist auch die Aufzählung deutscher Worte, die Einzug in fremden Sprachen gefunden haben: „Überhaupt scheint deutsches Essen und Trinken ein Exportschlager zu sein, wie französisches bière und italienisches birra oder auch türkisches sinitzel zeigen. Letzteres schätzen auch die Japaner als wina-shunittseru, die außerdem Kaffepaussi machen und etwas so Exotisches wie bamukuhen (Baumkuchen) essen.“

  

In über 70 kurzen Artikeln erklärt der Autor Unterhaltsames und Kurioses aus unserer Kultur, Sprache und Geschichte, er untersucht die Herkunft von Wörtern und Redensarten und zeigt, wie sich das Denken der Menschen im Lauf der Zeit verändert und wie sich das in unserer Sprache niedergeschlagen hat.

 

 

 

 

April 2018: Dagmar Fohl: Schneemusik (2017) (Standort: Onleihe: Belletristik, Krimi)

 

 

 

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Der Roman beginnt harmlos, geradezu alltäglich. Ein älterer Schriftsteller verliebt sich Hals über Kopf in eine jüngere Frau, eine erfolgreiche Klimaforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Nach der Hochzeit wird Olaf Spengler immer mehr von seiner krankhaften Eifersucht beherrscht, die Selma jeden Raum zum Leben nimmt. Je mehr er selbst an seinen Ansprüchen als Autor scheitert, desto mehr steigert er sich in seinen Wahn hinein und verfolgt und kontrolliert seine Ehefrau. Diese hält sein Verhalten nicht mehr aus und nutzt eine berufliche Chance zur Trennung. Daraufhin verliert Olaf völlig die Kontrolle und es kommt zur Katastrophe.

 

Dagmar Fohl zieht den Leser in ihren Bann. Man fühlt mit den beiden Hauptprotagonisten. Einerseits kann man den Schmerz Olafs nachvollziehen, als sich Selma immer weiter von ihm entfernt. Der Leser wird in seine Welt förmlich hineingesogen, kann sich ihr nicht mehr entziehen und lernt seine Gefühle und Lebensumstände  kennen, die von Eifersucht,

 

Wut, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen beherrscht sind. Andererseits spürt man aber auch die Verstörtheit, die in Selma vorgeht. Der höfliche, freundliche Mann, in den sich einst verliebt hat, wandelt sich im Lauf der Ehe zu einem wahren Monster und nimmt ihr jegliche Luft zum Atmen. Das Tempo des Romans steigert sich immer weiter durch die Vermischung von  Realität und Fiktion, da Olaf Spengler seine Sicht der Dinge in einem neuen Roman verarbeitet. Das Scheitern seiner Ehe wird so zur Grundlage seines lang ersehnten beruflichen Erfolgs.

 

 

 

 

 

März 2018: Ian McEwan: Kindeswohl (2015) (Standort: Bücherei McEw)

 

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Ian McEwans Kurzroman „Kindeswohl“ beruht auf einem wahren Fall, den ein englisches Gericht zu entscheiden hatte.

In seiner Erzählung muss die 59jährige Familienrichterin Fiona Maye den Fall eines 17jährigen Krebspatienten entscheiden, der ebenso wie seine Eltern aus religiösen Gründen die von den Ärzten für notwendig gehaltene Bluttransfusion ablehnt, obwohl er ohne diese Behandlung einen qualvollen Tod oder eine lebenslange Behinderung riskiert. Nach einer persönlichen Begegnung mit dem jungen Adam trifft Fiona eine richterliche Entscheidung und Adam überlebt. „Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde.“, begründet sie ihr Urteil. Ihre Entscheidung scheint die richtige gewesen zu sein, als sie Wochen später einen Brief von Adam erhält:

 

 „Ich glaube, ich war eine Zeitlang bewusstlos, und als ich aufwachte, saßen sie beide [die Eltern] an meinem Bett – und beide weinten, und ich wurde noch trauriger, weil wir alle gegen Gottes Gebote verstießen. Aber jetzt kommt das  Wichtige: Bald erkannte ich, dass sie vor FREUDE weinten! Sie waren so glücklich,  umarmten mich, umarmten einander und lobten schluchzend den Herrn. [...] Meine Eltern haben sich an die Lehre gehalten und den Ältesten gehorcht und alles richtig gemacht und können damit rechnen, ins Paradies auf Erden einzugehen – und gleichzeitig blieb ich am Leben [...] Schuld hat die Richterin, Schuld hat das gottlose System, Schuld hat das, was wir manchmal die 'Welt' nennen. Was für eine  Erleichterung!"

 

Zufrieden schließt Fiona den Fall Henry Adam für sich ab. Adam dagegen findet in seinem neuen, geschenkten Leben keinen Halt mehr, auch nicht in seiner Familie und wendet sich hilfesuchend an Fiona, die aus seiner Sicht nun die Verantwortung für sein Leben übernommen hat. Die Richterin hat allerdings die Macht unterschätzt, die sie mittlerweile durch ihr Urteil über sein Leben gewonnen hat und wendet sich von ihm ab. Am Ende kommt sie zu der bitteren Erkenntnis, dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügt und als Richter und Mensch versagt hat. „Adam hatte sich an sie gewandt, und sie hatte ihm nichts geboten, keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

 

 

„Kindeswohl“ ist kein einfaches Buch, es geht um Leben und Tod, Macht und Moral, Schuld und Verantwortung und die Grenzen von Religion und Medizin. Manche Handlungsstränge wie das Eheleben von Fiona Maye mögen etwas konstruiert wirken, aber insgesamt ist es ein Werk, das zum Nachdenken anregt. Wie würde man selber entscheiden? Was muss der Staat regeln, was ist Privatsache? Wie hoch ist die Würde des Menschen anzusetzen und was bedeutet sie überhaupt?

 

Ein lesenswertes Interview mit dem Autor zu seinem Buch findet sich unter:

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article135962393/Der-Teufel-ist-zu-allem-faehig.html

 

 

 

 

Februar 2018: Eliot Pattison: „Der fremde Tibeter“ und „Das Auge von Tibet“ (2002)

(Standort: Bücherei: Romane Pat)

 

  

 

 

 

                                                                                      

 

 

 

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Passend zu unserem Monatsthema im Februar „Fremde Länder“ habe ich diesmal den ersten und zweiten Band von mittlerweile 9 Büchern der Inspektor Shan-Reihe des amerikanischen Journalisten und Autors Eliot Pattison gewählt.

 

Shan Tao-Yun, ein Chinese, war früher Ermittler in Peking und wurde in ein chinesisches Straflager in Tibet verbannt, weil er gegen die falschen Leute ermittelt hatte. Im ersten Band der Reihe klärt er den Mord an einem Mann auf, dessen Leiche die Zwangsarbeiter des Lagers beim Straßenbau gefunden hatten. Am Ende des Romans kann Shan fliehen und findet Unterschlupf in einem geheimen tibetischen Mönchskloster.

In „Das Auge von Tibet“ wird Shan vom Lama des buddhistischen Klosters in das Kunlun-Gebirge nach Norden geschickt, um den Tod einer beliebten Lehrerin und einiger ihrer Schüler aufzuklären. Dabei wird er von einigen uigurischen und kasachischen Nomaden unterstützt.

 

Die Stärke der tibetischen Romane Pattisons liegt nicht unbedingt im Kriminalfall, sondern vor allem in der Beschreibung der faszinierenden Landschaft Tibets, seiner Klöster und Menschen. Darüber hinaus erfährt man viel über die politischen Verhältnisse seit den 1950er Jahren, als China Tibet annektierte und seitdem gewaltsam versucht die tibetische Lebensform und den Buddhismus zu unterdrücken. Wer also gerne in fremde Welten eintauchen möchte und weniger Wert auf action legt, ist bei der Inspektor Shan-Reihe auf jeden Fall richtig.

 

"Gute Bücher entführen den Leser an Orte, die er nicht so einfach erreichen kann: ein ferner Schauplatz, eine fremde Kultur, eine andere Zeit oder in das Herz eines bemerkenswerten Menschen. Eliot Pattison leistet in seinem Roman all dies auf brillante Art und Weise." Booklist. 

 

 

 

 

 

 Januar 2018: Daniel Speck: Bella Germania (2016) (Standort: Bibliothek: Romane Spe; onleihe: Hörbücher)

 

 

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„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ (Max Frisch)

Der erste Roman des Münchner Drehbuchautors Daniel Speck ist eine gelungene Mischung aus Familien- und Zeitgeschichte, ein „Heimatroman“ in bestem Sinne. Er handelt vom nicht immer einfachen Zusammenwachsen von Italienern und Deutschen in der Nachkriegszeit, vom einfachen Landleben in Sizilien, den Hoffnungen der Gastarbeiter, die in den 50er Jahren nach Bayern kamen und den Sehnsüchten der Deutschen, die in der Zeit des Wirtschaftswunders zum ersten Mal über den Brenner ans Mittelmeer fuhren.

 

Der Roman beginnt 2014, als die Münchner Modedesignerin Julia Besuch von einem unbekannten Mann bekommt, der behauptet ihr Großvater Vinzent zu sein. Nach einigem Zögern beginnt sie, ihre Familiengeschichte zu erforschen, die ihre Mutter bis dahin vor ihr immer geheim gehalten hat.

1954 lernt der Großvater, der im Auftrag von BMW nach Mailand gereist war, die junge Sizilianerin Giulietta kennen. Vinzent verliebt sich in sie und will mit ihr nach München durchbrennen. Gefangen in den Moralvorstellungen und Erwartungen ihrer Familie heiratet Giulietta aber trotz Schwangerschaft ihren langjährigen Verlobten Enzo und bleibt in Italien. Ihr Bruder macht sich aber auf den Weg nach Bayern um als Gastarbeiter in der Automobilbranche sein Glück zu versuchen, nach dem Scheitern ihrer Ehe folgt auch Giulietta nach. Auch Vincenzo, das Kind von Giulietta und Vinzent, geht später nach München, hin und her gerissen zwischen seinen italienischen und deutschen Wurzeln.

 

 

Dieses Buch ist eine schöne, spannende Familiengeschichte über drei Generationen mit viel Lokalkolorit, eine Erzählung über Hoffnungen und Scheitern, Migration und Integration, Missverständnisse und Freundschaften. Den Roman gibt es sowohl als Buch in der Bücherei, als auch als Hörbuch in der onleihe. 2017 wurde er vom ZDF als Dreiteiler verfilmt und soll Ende 2018 ausgestrahlt werden. Das Drehbuch dazu schrieb der Autor selbst.

 

 

 

 

Dezember 2017:     Leonie Swann: Gray (2017)  (Standort: Hörbücher: S, Onleihe: Belletristik)

 

 

 

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Diesmal habe ich einen unkomplizierten, unterhaltsamen Roman für mich entdeckt: das neue Buch der Münchnerin Leonie Swann, die 2005 mit ihrem Schafskrimi „Glenkill“ berühmt wurde.

 

In „Gray“ geht es um einen Anthropologie-Dozenten aus Cambridge, der leicht zwangsneurotisch veranlagt ist. Eines Tages erfährt er, dass ein Student, den er als Tutor betreut hatte, einen Tag vorher beim Klettern von der Fassade einer Kapelle gefallen ist. Auf Bitten der Putzfrau geht er in dessen Zimmer in der Universität und entdeckt Gray, den sprachtalentierten Graupapagei des Studenten. Dieser hängt sich mangels Alternativen an Augustus Huff, den Dozenten, und weicht nicht mehr von dessen Schulter. Allmählich hat Huff den Verdacht, dass Elliot, der Student, nicht Selbstmord begangen hat oder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, sondern ermordet wurde. Zusammen mit Gray macht er sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass er wegen des Papageis in einige peinlich-komische Situationen gerät.

 

„Gray“ ist ein witziger, leichter Roman, eine Feierabend- oder Urlaubslektüre. Mich hat er an Pumuckl und Meister Eder erinnert und wer die beiden als Kind geliebt hat, wird bestimmt auch den Papagei mögen. Gelegentlich wirkt die Handlung etwas konstruiert, besonders am Ende des Romans, aber ich finde, das kann man verzeihen, wenn man sonst gut unterhalten wird. Auch die Sprache ist humorvoll und die Szenen mit dem sprechenden Papagei urkomisch: „Augustus guckte etwas ratlos in den Lampenschirm. Eine Glühbirne guckte ausdruckslos zurück.“

 

 

Fazit: unbedingt lesenswert, wenn man einfach nur mit schrägen Charakteren entspannen möchte. Wer mehr von Leonie Swann lesen möchte, findet in der Bücherei auch ihren zweiten Roman „Garou“.

 

 

November 2017:    Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben (2017) (Standort: Romane Yan und Onleihe)

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Der Roman der Hawaiianischen Journalistin Hanya Yanagihara handelt von der Freundschaft zwischen vier Männern über mehrere Jahrzehnte hinweg. Kennengelernt haben sich die vier in einem US-amerikanischen College, als sie als Jugendliche gemeinsam ein Zimmer bewohnten. Malcolm wird Architekt, Willem Schauspieler und JB Künstler. Jude, der Jura studiert und später ein erfolgreicher Anwalt wird, steht dabei im Mittelpunkt der Erzählung. Im Abstand von mehreren Jahren wird die Lebenssituation der einzelnen Hauptdarsteller beleuchtet, unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit von Jude. Dessen traumatische Erlebnisse beeinflussen und beherrschen die Beziehung der vier Freunde ein Leben lang.

Dieser Roman, losgelöst von allen aktuellen Ereignissen und realen Schauplätzen, handelt von Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung, Sünde und Erlösung. Allesamt eher  biblische Themen, obwohl in diesem Buch religiöser Glaube nur am Rand eine Rolle spielt, Themen, die aber den Kern des menschlichen Daseins betreffen.

Die fast 1000 wortgewaltigen Seiten stehen im Gegensatz zur Sprachlosigkeit oder Sprachunfähigkeit der Protagonisten, an der sie am Ende scheitern. In diesen Abgrund wird der Leser wie in einen Strudel mit hineingezogen, mit einer Wortwahl, die oftmals an die apokalyptischen Bilder einer Hieronymus Bosch erinnert. Oft sind die Gefühle der Protagonisten beziehungsweise ihre Erlebnisse schwer zu ertragen und gehen an die Grenzen des Lesers.

           

"Er spürte, wie die Kreatur in seinem Inneren - die er sich als ein schmächtiges, schäbiges, lemurenartiges Geschöpf vorstellte, mit schnellen Reflexen ausgestattet und stets auf dem Sprung, während ihre dunklen, feuchten Augen unentwegt die Landschaft nach potenziellen Bedrohungen absuchten - sich entspannte und zu Boden sank. Dies waren die Momente des College-Lebens, die er am meisten schätzte: Er saß in einem warmen Zimmer, würde am nächsten Tag drei Mahlzeiten zu sich nehmen und so viel essen wie er wollte, und dazwischen würde er Seminare und Vorlesungen besuchen, und niemand würde versuchen, ihm wehzutun oder ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht tun wollte. Seine Mitbewohner - seine FREUNDE - waren irgendwo in der Nähe, und er hatte einen weiteren Tag überstanden ohne eines seiner Geheimnisse preiszugeben, und ein weiterer Tag trennte den Menschen, der er einmal gewesen war, von dem, der er heute war.“

    

Die Faszination dieses hochemotionalen Romans ist schwer in Worte zu fassen und was genau daran so fesselnd ist, ist kaum zu beschreiben, aber, wie der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck bemerkt: „Wenn Sie in diesem Jahr nur einen Roman lesen, lesen Sie diesen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Oktober 2017:    Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt (2015) (Standort: onleihe: Sachmedien/Geschichte, Völker & Länder)

Diesen Monat stelle  ich ein Sachbuch aus der Onleihe vor, das aus meiner Sicht auf alle Fälle fünf Sterne verdient hat. Der Autor, Alastair Bonnett, ist Professor für Sozialgeographie an der Universität Newcastle.

 

Das erste Kapitel seines Buches „Die seltsamsten Orte der Welt“ handelt von Orten, die es nicht mehr gibt, sei es, weil es sie nie gegeben hat wie Sandy Island vor der Ostküste Australiens, oder weil sie aus geologischen oder politischen Gründen wieder verschwunden sind wie die „Starfish“-Dörfer in Großbritannien aus dem zweiten Weltkrieg, die nach 1945 keinen Verwendungszweck mehr hatten, oder der Aralsee, der durch menschliche Eingriffe in den Wasserhaushalt austrocknet.

Weitere Kapitel befassen sich u.a. mit „Geisterstädten“, temporär existierenden Orten oder „Niemandsländern“ zwischen zwei Staaten, die keiner haben will. Zum Teil sind es bekannte Geschichten, wie die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verlassene Stadt Prypjat, zum Teil aber auch eher unbekannte Darstellungen menschlichen Größenwahns wie das nie bewohnte nordkoreanische Grenzdorf Kijong-dong, oder durch Kriege zerstörte und verlassene Städte. Manche Kapitel lassen uns schmunzeln, einige regen zum Nachdenken an oder machen den Leser betroffen, aber immer staunt man aufs Neue, was für Kuriositäten es in unserer Welt auch heute noch gibt.

 

Alastair Bonnett ist ein wirklich interessantes, lehrreiches und zugleich unterhaltsames Buch gelungen, das nie trocken wird, sondern über die reine Wissensvermittlung hinaus auch über die Bedeutung von „Ort“ und „Raum“ für den Menschen philosophiert: „Dabei ist der Ort das Gewebe unseres Lebens, mit Erinnerung und Identität durchwirkt. Ohne ein eigenes Irgendwo, ohne einen Ort, an dem man zu Hause ist, ist Freiheit eine leere Worthülse.“

 

Sein Buch beendet der Autor mit folgendem Fazit: „Die Welt steckt noch immer voller unerwarteter Plätze, die uns entzücken, manchmal auch erschrecken, aber immer faszinieren. Diese ungebärdigen, anarchischen Orte provozieren uns und zwingen uns dadurch, über die vernachlässigte, aber fundamentale Rolle nachzudenken, die sie für unser Leben spielen. Sie stellen uns vor die Herausforderung, uns als das zu sehen, was wir sind, nämlich eine Spezies, die Orte schafft und Orte liebt.“

 

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